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Hans Weingartner

Hans Weingartner

Hans Weingartner wurde am 22.10.1977 in Feldkirch / Vorarlberg geboren. Nach dem Abitur studierte er Cognitive Science in Wien und Berlin. Neben dem Studium absolvierte er auch eine Ausbildung zum Kameraassistenten bei der Austrian Association of Cinematography. Nachdem er das Cognitive Science Studium mit Auszeichnung abgeschlossen hatte, wechselte er das Fach und begann Film an der Kölner Kunsthochschule für Medien zu studieren. Dabei half ihm ein Stipendium des Landes Nordrhein-Westfalen für Hochbegabte.

Aus dem Nichts katapultierte sich Hans Weingartner 2001 an die Spitze der deutschen Kinolandschaft: „Das weisse Rauschen“ mit Daniel Brühl in der Hauptrolle begeisterte Kritiker, Publikum und internationale Jurys. Der Film gewann den Max-Ophüls-Preis, den First Steps Award 2002 und den Preis der deutschen Filmkritik als Bestes Spielfilmdebüt. Im Mai 2004 knüpfte Hans Weingartner an diesen Erfolg an. Nach 11 Jahren lief mit „Die fetten Jahre sind vorbei“ erstmals wieder eine deutsche Produktion im Wettbewerb von Cannes. „Die fetten Jahre sind vorbei“ entwickelte sich in der Folge zu einem der erfolgreichsten deutschen Filme der letzten Dekaden und avancierte rund um den Globus zum Kultfilm einer neuen politischen Generation. Mit der Mediensatire „Free Rainer – Dein Fernseher lügt“ mit Moritz Bleibtreu und Milan Peschel in den Hauptrollen polarisierte Hans Weingartner 2007 die Medienwelt. Sein mit Spannung erwarteter neuer Film „Die Summe meiner einzelnen Teile“ ist ein packendes Psychodrama, das in Peter Schneider einen großartigen Schauspieler entdeckt.

Interview mit Hans Weingartner

„Die Summe meiner einzelnen Teile“ erzählt von einem jungen Mann, der in der globalen Ökonomie schlicht nicht existieren kann. Ist es eine Geschichte, die Sie immer schon erzählen wollten oder hat sich das Thema durch Erfahrungen der letzten Jahre ergeben?

Eher durch die Erfahrungen der letzten Jahre. Ich wollte ursprünglich einen sozialkritischen Film machen, der das Auseinanderdriften der sozialen Schere beleuchtet, habe aber schnell gemerkt, daß ich mich dem Thema nur über meinen persönlichen Zugang nähern kann, und das ist - anscheinend - die psychologische Ebene.

Wie viel Recherche haben Sie für den Film unternommen und wie sind Sie dabei vorgegangen?

Mein Coautor Cüneyt Kaya und ich waren viel mit Obdachlosen und in Essensküchen unterwegs. Dabei fiel mir auf, daß die Statistik stimmt: die meisten da leiden unter psychischen Defekten, welche sie letztendlich aus dem sozialen Netz katapultieren. Was die Psychiatrie betrifft und psychische Zustände: das ist sowieso seit Jahrzehnten mein Kernthema und Steckenpferd. Da kann ich auf einen relativ breiten Erfahrungs- und Wissensschatz zurück greifen, sowohl von meiner Ausbildung her als auch von den vielen Begegnungen, die ich seit dem „Weissen Rauschen“ mit Betroffenen hatte.

Ihren Filmen wurde vielfach attestiert, die Frage nach Utopie und Widerstand zu stellen. „Die Summe meiner einzelnen Teile“ scheint diesen Widerstand auf einer mentalen Ebene zu verorten. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Das war keine bewußte Entscheidung. Die Grundfrage, der Ansatzpunkt war von Anfang an: was passiert mit jemandem, der nicht fit genug ist für die neue Arbeitswelt? Der auslösende Moment war für mich eine Doku im Fernsehen: da wurde ein junger Mann in die Geschlossene verfrachtet, nur weil seine Wohnung unaufgeräumt war und die Nachbarn sich beschwert hatten. Gerade in Deutschland - von Berlin mal abgesehen - gibt es wenig Toleranz für sozial unangepaßtes Verhalten.

Im Zentrum des Films steht die Freundschaft zwischen Martin und Viktor. Warum ist diese Freundschaft für Martin so wichtig?

Martins Grundproblem ist die Angst vor Nähe. Sein Mißtrauen gegenüber Menschen sitzt tief. Dem Jungen kann er sich öffnen, weil der keine Bedrohung für ihn darstellt (genau damit arbeitet übrigens auch die Psychotherapie bei der Methode „Das innere Kind“). Die Freundschaft zu dem Jungen befriedigt seine Sehnsucht nach emotionaler Bindung. Außerdem durchbricht sie seine Selbstbezogenheit. Wir wissen daß psychisch labile Menschen seelisch enorm profitieren, wenn sie anderen helfen können. Es ermöglicht ihnen den Teufelskreis negativer Ichbezogenheit zu verlassen.

Könnte jedem von uns passieren, was Martin passiert ist?

Ganz sicher. Wir sind uns alle unserer psychischen Gesundheit viel zu sicher. Eine Depression oder ein Burn-Out nimmt man selbst meist erst als Letztes war. Man nennt das auch „kognitive Dissonanzvermeidung“. Unser Selbst ist ein äußerst fragiles Gebilde, das sich selbst permanent vorlügt, super stabil zu sein. Dabei reicht schon ein kleines Trauma, ein wenig Fieber, ein paar Tage Isolation, und das Ich zerspringt.

In „Die Summe meiner einzelnen Teile“ inszenieren Sie den Protagonisten in unterschiedlichsten Räumen: an gefährlichen Orten, Rückzugsorten, in imaginären Räumen, Gefängnissen und Wohnungen – wo ist Martin Blunt wirklich zu Hause?

Jedenfalls nicht im Tablettennebel. In der Hütte im Wald, in der Freundschaft zu Viktor, zu Lena. In seinem Traum von Portugal.

Im Film gibt es sehr romantische Passagen, in denen die Kamera die Schönheit des Waldes auskostet und Martin zum Waldmenschen wird. Ist die Stadt zum lebensfeindlichen Ort geworden?

Das kann man generell nicht sagen. Viele Menschen fühlen sich wohl in der Stadt. Aber wenn die Filtersysteme gestört sind, bei hypersensiblen Typen wie Martin zum Beispiel, fällt die Anpassung schwer. Für mich persönlich als Landkind hatte der Wald immer eine doppelte Bedeutung. Einerseits die Flucht raus aus dem konfliktbeladenen Elternhaus, raus aus den Zwängen der Schule, andererseits die Faszination des Geheimnisses. Man betritt den Wald und ist sofort in einer anderen Welt. Ganz andere Geräusche, Tiere huschen vorbei wie Gespenster, die Bäume scheinen zu sprechen. Wir haben als Kinder immer Hütten im Wald gebaut. Streng geheim natürlich! Das waren unsere fantastischen Rückzugsräume aus der Welt der Erwachsenen. Wahrscheinlich hat der ganze Film deswegen auch so einen fantastischen Touch.

Der verwilderte Wald ist in zahlreichen Mythen ein Ort der Verstoßenen. Das dreht sich bei Ihnen um. Was macht den Wald zum utopischen Ort?

Zuerst einmal ist Martin der klassische Verstoßene. Er fliegt aus der Firma raus, die Freundin will ihn nicht mehr, er fliegt aus der Wohnung, schließlich sogar aus dem Abbruchhaus, und auch der Vater verjagt ihn. Er kann nur noch in den Wald, eine andere Zuflucht bleibt ihm nicht mehr. Zuerst zeigt sich die Natur gefährlich und abweisend, aber dann dreht sich die Situation und er entdeckt den Wald als seinen natürlichen Lebensraum. Der Wolf begrüßt ihn, die Bäume nehmen ihn auf. Insofern würde ich den Wald nicht als utopischen Ort bezeichnen, sondern eher als den Mutterbauch, in den Martin zurück kehrt - bezeichnenderweise mit Hilfe eines inneren Kindes. Als Mathematiker war er jahrelang sehr stark in der Matrix verhaftet, mit geraden Linien und diskreten Zahlen hatte er versucht seine Realität zu ordnen. Im Wald entdeckt er, dass das der falsche Weg war. Das soll kein großer sozialkritischer Kommentar sein. Jeder muss für sich entscheiden, wie er leben will. Der Archetypus des Waldes als Heimat der Vertriebenen existiert seit Jahrhunderten. Besonders im Mittelalter lebten im Wald die Outlaws, es war geradezu gefährlich, ihn zu betreten. Dieses Motiv wird in dem Bild aufgegriffen, in dem Martin und Viktor den Wald betreten: er zeigt sich als gefährliche schwarze Wand. Gerade die Deutschen haben ja eine irre spannende Beziehung zum Wald, das finde ich extrem spannend und inspirierend. Wo sonst gibt es so schöne hohe Bäume! Keine andere Kultur auf der Erde begreift den Wald so mythisch. Die Deutschen kommen aus dem Wald! Ich liebe diese Szene aus „Gladiator“, wo die Germanen die ziviliserten Römer aus dem Wald heraus angreifen. Oder wenn man daran denkt, wie groß die Angst der Allierten war, den Deutschen im Wald zu begegnen! Und dann die ganzen Märchen der Grimm-Brüder! Ich glaube, der Film wird nirgends so gut verstanden werden wie in Deutschland.

Zwischen Martin und Lena entsteht eine vorsichtige Liebesgeschichte. Was verbindet die beiden miteinander?

Ich sehe das nicht als Liebesgeschichte, diese Etikette greift mir zu kurz. Mit Mann und Frau hat das nichts zu tun. Martin entdeckt einfach nur, dass da ein anderes menschliches Wesen ist, das augenscheinlich ähnliche Probleme wie er hat, und auch sehr ähnliche Träume von einem anderen, freien Leben. Nur daß sie nicht den Mut hat ihre Träume zu leben. Den magischen Zufall, daß er den Liebesbrief an Lena im Mülleimer findet, begreift er wahrscheinlich als Auftrag des Schicksals, seine Heilungsgeschichte weiterzugeben, jemand anderem zu helfen. Am Ende ist es Lena, die seinen Traum lebt. Dadurch hatte sein Kampf einen Sinn.

Als Mathematiker versucht Martin auch dann noch die Welt mit Gleichungen unter Kontrolle zu bekommen, als sie schon längst aus den Fugen geraten ist. Im Film ist dieses Rechnen eine verzweifelte Geste, so als würde Martin ahnen, dass es einen unbekannten Faktor gibt, der jede Rechnung sprengt. Was ist diese unbekannte Größe, die die heutige Welt im Inneren zusammenhält?

Es gibt sie nicht. Martin muss im Grunde dieselbe Entdeckung machen wie die moderne Quantenmechanik: je genauer man die Materie beobachtet, desto unschärfer wird sie. Die Natur läßt sich durch Zahlen ebensowenig beschreiben wie der Mensch. Unsere Angst vor dieser Unberechenbarkeit ist so groß, daß wir immer größere Teilchenbeschleuniger bauen, um ihr doch noch auf die Schliche zu kommen, aber es hilft nichts: Gott würfelt doch. Wir umgeben uns mit einem Schutzkleid aus Technik: wir leben in mathematisch geordneten Städten, wir kommunizieren mit Nullen und Einsen, komplizierte Programme organisieren die Logistik unserer Ernährung ebenso wie unsere Fortbewegung, aber ein einziger Wirbelsturm, ein einziger Tsunami stellt uns in Minuten vor Augen, was wir wirklich sind: nackte Menschen, der Natur ausgeliefert. Noch so komplexe medizinische Apparate, noch so raffiniert gestaltete pharmazeutische Moleküle können nicht verhindern, daß wir am Sterbebett begreifen: unser Leben ist endlich. Indem Martin in den Wald geht, verläßt er die schützende Illusion der Matrix. Als er im Baum am Kudamm sitzt, blickt er zwar auf die Menschen herab, aber er blickt nicht auf sie herab, wenn Sie verstehen, was ich meine. Er ist aus der Matrix herausgetreten und betrachtet sie mit Verwunderung. Er steht am digitalen Käfig des Menschenzoos. Der Mathematiker hat begriffen, dass er einem numerischen Traum entflohen ist, der für ihn zum Alptraum geworden war. Er bemitleidet die Menschen nicht, die immer noch in dieser Illusion leben, und er schätzt sie auch nicht gering. Er betrachtet sie ohne Wertung, das war mir wichtig.

Ebenso wie Martins Rechnungen scheinen die Gleichungen der Psychologen zu versagen. Warum kann die Therapeutin Martin nicht helfen?

Sie hat ihr Wissen aus dem ICD-10 und ihrer Erfahrung in der Arbeit mit schizophrenen Patienten. Martins Symptome passen da wie die Faust aufs Auge rein. Da macht es „Pling“ „Pling“ „Pling“ und die Diagnose steht. Also wählt sie die erfahrungsgemäß beste Behandlungsmethode. Daß bei Martin ein anderer Ansatz besser wäre, das herauszufinden hat sie weder die Zeit noch die Kraft. Das ist in der Realität genauso. Psychiatrische Kliniken sind immer noch hoffnungslos unterbesetzt, die Jobs in der Pflege schlecht bezahlt. Unsere Gesellschaft ist mit der Behandlung psychischer Krankheiten überfordert. Es wird medikamentös behandelt was das Zeug hergibt. Eine Schachtel Pillen kostet ein Zehntel von einer Stunde Therapie. Und die Schachtel hält einen Monat. In den letzten 10 Jahren wurde die Gabe von Psychopharmaka verdoppelt. Wir sind eine Gesellschaft auf dem Weg in die permanente Medikation. Pro Jahr werden in Deutschland eine Milliarde Tagesdosen Antidepressiva verschrieben. Eine pharmazeutische Gesellschaft, könnte man sagen. Die moderne Neuropsychologie weiß längst, daß zwischen Streß und psychischen Erkrankungen ein DIREKTER neurologischer, also biochemischer Zusammenhang besteht. Wir begegnen der fortwährenden Beschleunigung aller Daseinsprozesse im Augenblick noch mit der einfachsten Lösung, der pharmakologischen Veränderung der Biochemie, doch auf Dauer wird das nicht funktionieren. Das ist so als würde man auf der Autobahn permanent mit Vollgas fahren und dann versuchen, das Tempo mit der Handbremse zu reduzieren. Irgendwann reisst das Seil. Die Psychologin kann Martin für eine Zeit lang den geschützen Raum der Klinik bieten, aber irgendwann muss er wieder raus in die Realität. Dass er dort nicht bestehen kann, dafür kann sie ja nichts. Eine Realität, in der er leben kann, die muss er sich selbst schaffen. Das ist für mich auch eine der zentralen Botschaften des Films. Zieh dich selber aus dem Sumpf! Am Ende musst du dich immer selbst aus der Scheiße holen. Ich finde Martin schafft das hervorragend. Er hat eine Vision von einem anderen Leben, und ich bin mir sicher, er wird diese Vision umsetzen.

Von „Fight Club“ über „Mulholland Drive“ und „23“ bis „Inception“ hat die Frage nach Wirklichkeitswahrnehmung und ihrer Manipulierbarkeit im Film Konjunktur. Wie erklären Sie sich dieses anhaltende Interesse und was hat Sie daran gereizt?

Film ist eine Pseudowirklichkeit, die Auseinandersetzung ihrer Wahrnehmung gehört zum Medium Film wie das Schmecken zum Kochen. Mein Interesse war aber weniger filmtheoretisch als psychologisch getriggert. Ich bin kein top-down Filmemacher. Ich gehe nicht von einem Konzept aus. Am Anfang stand ein Mann, der von der Gesellschaft ausgespuckt wird, weil er psychisch nicht fit genug ist. Ich folge diesem Mann auf seiner Odysee in den Abgrund. Was passiert als Nächstes, ist für mich die wichtigere Frage als: wie nehmen wir die Realität wahr. Wie kommt er aus der Scheiße raus? Wohin geht er? Wer hilft ihm? Was würde ich an seiner Stelle tun? So schreibe ich ein Drehbuch. Nicht: wie behandle ich dies oder jenes Thema. Ich weiß nicht wieso es ein kleiner Junge war, der da plötzlich in dem Abbruchhaus auftauchte, um Martin zu helfen. Der kam einfach hereinspaziert in meine Geschichte. Wahrscheinlich wünsche ich mir auch so einen Freund. Einen, der mich so akzeptiert wie ich bin, einen der nicht permanent analysiert und wertet, einen der noch keine Vorurteile hat, so wie das eben nur bei Kindern ist. Ich habe einmal viele Wochen mit einem schizophrenen Schauspieler gearbeitet in der Vorbereitung auf „Das weisse Rauschen“. Alle hatten Angst vor ihm, alle. Egal ob an der Filmschule oder in der Fußgängerzone oder im Cafe. Und er hatte Angst vor den anderen. Nur Lukas hatte keine Angst vor ihm, der kleine Sohn einer Hippiefrau von einem Camp am Rhein. Mit dem konnte er stundenlang spielen und lachen. Es kann sein, dass dieses Erlebnis mich beeinflußt hat. Diese spezielle Beziehung spielt ja auch im „Weissen Rauschen“ schon eine wichtige Rolle.

Ebenso wie Viktor für Martin gleichzeitig Realität und Simulation sein kann, ist ein Film für den Zuschauer sowohl Simulation als auch konkrete Erfahrung. Welche Rolle übernehmen Kunst, Erzählen und vor allem Film in einer Welt, die nicht mehr mit dem Sozialen rechnet?

Film kann die Türen der Wahrnehmung vielleicht öffnen - für kurze Zeit. Wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen. Viele Zuschauer werden Martins Erfahrungen als etwas abtun, das mit ihnen selbst nicht das Geringste zu tun hat, das ist mir durchaus bewußt. Da werden Schutzbarrieren aufgebaut, aus Vernunft und Verstand, da wird der Film rational angegriffen, um sich seine Angst nicht einzugestehen. Kogntive Dissonanzvermeidung, wie schon gesagt. Das kenne ich schon vom „Weissen Rauschen“. Gerade bei männlichen Zuschauern ist das extrem, die können da richtig aggressiv werden. Film dient ja heute mehr und mehr der Realitätsflucht. Man bekommt eine Welt geboten, in der alles seine Ordnung hat. Wenn ich mir das Kino von heute ansehe denke ich mir: die 50er waren ein Scheiß dagegen. Dabei ist es völlig logisch: eine immer verwirrendere und kompliziertere Welt, in der soziale Gefüge so gut wie nicht mehr existiert, es keine Normen und kaum noch religiöse Richtlinien gibt, die bringt uns dazu, uns nach einer Welt zu sehnen, in der noch alles glatt läuft. Wo wer A sagt auch B sagt, wo oben oben ist und unten unten. Deswegen geht es dem Arthouse Kino wohl so schlecht. Außer einer bestimmten Art von Wohlfühlkino (die Kinobetreiber sprechen sogar von Wellnesskino) läuft gar nix mehr. Der „human factor“ muss hoch sein, das hat sogar schon Aki Kaurismäki erkannt. Oder was heisst erkannt, was anderes kriegt er halt nicht mehr fasziniert, schätze ich. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland macht ja auch nix mehr anderes als Kitschromane zu verfilmen. Die Leute wollen halt nichts anderes mehr sehen, heisst es dann. Stimmt ja auch. Aber ist das wirklich der richtige Weg? Nur noch Filme, in denen die Menschen lieb und nett zueinander sind und gemeinsam gegen die Bösen kämpfen?

Ist „Die Summe meiner einzelnen Teile“ ein realistischer Film?

Keine Ahnung. Ich würde eher sagen es ist ein archetypischer Film. Reale Figuren, Emotionen und Lebensumstände werden entkernt und fokussiert, fungieren als Trigger und Symbole. Die hyperrealistsiche Kameraführung macht es einem nicht leicht, den Film einzuordnen, aber gerade das mag ich. Ein Film im Neorealismo – Stil, der kein Neorealismo ist. Die Farben sind wichtig. Diese Erdtöne, das wollte ich. Grün, braun, Schwarz. Das passt für mich zum Thema Archetypus, Mythos. Und zum Wald. Es geht um elementare Fragen, die Grundlagen der Psyche, der Wahrnehmung, des Menschseins, und so soll auch die Bildsprache sein. Erde, im letzten Akt ein wenig Feuer und schließlich, im Schlußbild: Luft. Freiheit...